Unterwegs ins Ruhrgebiet!
Zu Hilde.
Mit dem Zug dem Rhein nach, IC, vorbei an Koblenz, Neuwied, fünfundzwanzig Jahre Heimat in fünf Minuten, dann an Köln vorbei weiter bis Bochum.
Der Zugführer Herr Wulf klingt trainiert freundlich. Kurze, routiniert vorgetragene Informationen und Willkommensgrüsse. Mit jedem Satz beginnt er stimmlich hoch oben, um dann, am Satzende vernuschelt in tiefen Unverständlichkeit zu landen.
Sein Sprecherzieher meinte sicher 'Lassen Sie ihre Stimme mit Freundlichkeit singen und achten Sie auf die Tonart.'
Vorgetäuschte Gegenwart.
Bochum.
Es liegt so viel rum. Gebäude, verottete Stahlträger, Bleche, Gleise, Bahnwaggons, Menschen. Bierdosen, volle in der Hand, leere zwischen den Füssen, Jugendliche vergleichen die Qualität zweier Klappmesser. Aus Schweizers Sicht erlebe ich die Gegend als 'versifft'. Im überfüllten Regionalzug nach Witten. Das Dach über dem Bahnsteig am Ende der Welt ist in schlechtem Zustand. In dieser Region muss es regnen, durchregnen.
Aber, mit den Menschen habe ich eine Zeit verbracht, gelebt und mich sehr wohlgefühlt.
Gegenwart.
Bei Hilde ein warmes und herzliches Willkommen, Kaffee und Kuchen.
Kommende Woche feiert sie ihren 70sten Geburtstag. Es geht ihr nicht so gut, sie braucht immer mehr Sauerstoff, die Bronchien, und jetzt noch eine Erkältung, ach Scheisse - und das eine Woche vor dem grossen Fest. Rauchen? Aufs Rauchen will sie nicht verzichten, immerhin ist das ein Teil ihrer Lebensqualität und die lässt sie sich nicht mehr nehmen! Zu ihrem Geburtstag schenke ich ihr die Trilogie von John Berger, 'Von ihrer Hände Arbeit'. John Berger hat den 70sten schon hinter sich.
Später dann, nach vielen Geschichten aus der Schweiz, aus dem Ruhrgebiet, erzählt sie mir die Geschichte von sich und der Frau aus der Ratsfraktion, ein Mitglied der CDU.
Sie verband nicht viel miteinander, eigentlich gar nichts , ab und zu ein höflicher Gruss, ihre gemeinsame Anwesenheit im Stadtrat. Die linke Grüne und die rechte Konservative. Dann starb der Mann dieser Frau. Hilde schickte ihr einen Blumenstock mit einem Brief. Bei ihrer nächsten Begegnung gingen die beiden Frauen aufeinander zu, umarmten sich und weinten miteinander.
Damals, als Hildes Mann verunfallte, mit 27 im Pütt umkam, und sie allein blieb mit zwei Kindern, da kaufte sie sich einen Blumenstock zum Trost, er war ihr Begleiter in der Trauer um ihren Mann. Und mit jedem neuen Blatt, so schrieb Hilde in dem Brief an die Frau, den dieser Blumenstock trieb, wuchs in ihr wieder ein Stück Hoffung für ihre eigene Zukunft.
Ähnlichkeit ist ein Geschenk.